Pressestimme: Gudrun Bayer, 14.7.2010 © NÜRNBERGER NACHRICHTEN
Protest, aber auch Beifall für Westerwelle
Demonstranten empfingen den Außenminister, der als Festredner auftrat
FÜRTH - Der Protest ist kreativ. Sechs Vertreter der Gewerkschaft verdi haben es bis ins Innere der Grünen Halle geschafft. Dort spricht Bundesaußenminister Guido Westerwelle gerade über den »treffsicheren Sozialstaat«. Der FDP-Politiker ist der prominente Festredner bei der Verleihung des Ludwig-Erhard-Preises. Für viel Ärger hatte die Auswahl des Redners im Vorfeld gesorgt. Schließlich gilt der Fürther Ökonom Erhard als Vater der sozialen Marktwirtschaft – und Westerwelle bei nicht wenigen als deren Zerstörer.
Knapp 100 Demonstranten, aufgerufen von verdi, der Linken und dem Fürther Sozialforum, säumen denn auch die Zufahrtsstraße zur Grünen Halle, als die Limousinen vobeirollen. Sechs von ihnen schaffen es dann in die Halle.
Die ewige »spätrömische Dekadenz«
Während der Rede stehen sie auf und skandieren »Heiner Geißler«. Politisch Interessierte, so ihr Kalkül, wüssten schon, was damit gemeint sei. Im Februar nämlich hatte sich CDU-Mann Geißler ein indirektes Wortgefecht mit Westerwelle geliefert. »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein«, hatte Westerwelle in einem Zeitungsartikel geschrieben. Geißler hatte in seinem Konter die spätrömische Dekadenz damit beschrieben, dass Kaiser Caligula einen Esel zum Konsul ernannt habe. Insofern stimme Westerwelles Vergleich: Vor 100 Tagen sei »ein Esel Bundesaußenminister geworden«.
Der Außenminister steckt die Anspielung in der heißen Grünen Halle in Fürth cool weg. Er fordert sogar die Fotografen auf, den Auftritt der Protestierenden, die nach ein paar Minuten freiwillig gehen, zu filmen. Bei der Mehrheit der 700 Festgäste landet der FDP-Politiker damit einen Punktsieg. Und auch während seiner Rede erntet er immer wieder Beifall.
»Nicht derjenige gefährdet den Sozialstaat, der ihn treffsicherer macht, sondern derjenige, der seine Unbezahlbarkeit billigend in Kauf nimmt«, erklärt er da zum Beispiel. Er bleibe dabei, dass sich Leistung lohnen müsse. Und zur Leistungsgerechtigkeit gehöre es, dass Jugendliche aus Hartz-IV-Familien das Geld behalten könnten, das sie beim Arbeiten in den Ferien dazuverdienen. Dazu gehöre es aber auch, dass junge Arbeitslose eine Arbeitsstelle annehmen müssten, wenn ihnen eine angeboten würde.
»Nicht zimperlich mit Erhard«
Westerwelle erinnert auch daran, wie umstritten Ludwig Erhard zu seiner Zeit gewesen sei. »Erhards Zeitgenossen sind mit ihm nicht zimperlich umgegangen.« Bei einer Umfrage in den 50er Jahren habe jeder zweite Deutsche eine schlechte Meinung über Erhard gehabt. »Diese Rückschau spendet jedem Trost, der Verantwortung trägt und von den geschätzten Kommentatoren bewertet wird.« Die Ludwig-Erhard-Initiative vergab ihren mit 4000 Euro dotierten Preis schon zum achten Mal. Preisträger Robert Münscher von der Universität Bayreuth untersuchte in seiner Doktorarbeit Missverständnisse, die im Arbeitsleben durch kulturelle Unterschiede entstehen. Mit seiner Frau zusammen hat der Wirtschaftswissenschaftler sogar eine Beratungsfirma gegründet, um Menschen über die Folgen kultureller Unterschiede im Berufsleben aufzuklären.
Auch die Arbeit, die den Publikumspreis erhielt, befasst sich mit kulturellen Unterschieden. Wirtschaftspädagogen Nicole Kimmelmann von der FAU Erlangen-Nürnberg hat untersucht, was Lehrern dabei hilft, die Potenziale von Schülern mit Migrationshintergrund zu fördern.
Gudrun Bayer
14.7.2010
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